Lilith - Baum des Lebens
Leseprobe Teil 3
© Sven Schmidt, alle Rechte vorbehalten

Schwere Metallketten klirrten leise in dieser langen und lichtdurchfluteten Halle. Ab und an stampfte eine schwere Hufe auf den Boden einer der vielen Stallboxen, die sich in vier Reihen durch die Halle zogen. Die Luft schmeckte nach frischem Heu. Regelmäßig angeordnete Quergänge verbanden die breiten Boxengassen miteinander. Hin und wieder hörte man ein tiefes Schnauben der Zufriedenheit.

Der glatte Boden, die sauberen Boxen und Wände glänzten in einem sandfarbenen Ton. Das Tageslicht fiel durch lange Glasfensterreihen unterhalb der Hallendecke. Alles in diesem industriellen Stall war rein und sauber. Dabei standen in jedem dieser Boxen ein oder zwei große Tiere.

Adamah war sich der peinlichen Sauberkeit seiner Umgebung nicht bewusst. Für ihn war es eine Selbstverständlichkeit, sich nach jedem Strohhalm zu bücken, der beim Heutransport auf den Boden gefallen war, und jeden Haufen wegzuputzen, den ein Tier hinterlassen hatte. Über so etwas dachte er nicht nach, er tat es einfach. Er und seine Freunde waren für die Pflege und das Wohlergehen der Tiere verantwortlich. Sie taten alles, was ihnen von den Cherubim und den neterischen Wissenschaftlern aufgetragen wurde. Und Adamah hatte Freude an seiner Arbeit.

Adamah war wie alle Menschen nackt. Seine Schmuckreifen hatte er für die Arbeit abgelegt. Seine Farbbänder an den Armen und über der Stirn waren von einem dunklen Blau. Auf der tiefschwarzen Haut seines muskulösen Körpers hatten sich winzige Schweißtropfen gebildet. Die Schmucknarben über seiner Stirn, an seinen Schläfen und auf seiner Brust waren sehr stark aufgewölbt und erinnerten mehr an Beulen. Das lag daran, dass beim Einritzen bei den Männern tiefere Einschnitte gemacht wurden als bei den Frauen. Adamah besaß schwarze, schulterlange Kringellocken, in die kleine Lederbänder mit kleinen, roten und schwarzen Buschsamen eingeflochten waren.

Adamah gab mit einer Heugabel einem Tier, das ihm bis zur Schulter reichte, saftige Fleischbrocken zum Fressen. Dieses Tier hatte den schwarzbraun gefleckten Körper eines Leoparden und den rotbraun gefiederten Kopf eines übergroßen Hahnes. Mit seinen schwarzen Knopfaugen musterte es Adamah neugierig. Sein knallroter Kamm stand aufrecht. Mit seinem kurzen, zahnbewehrten Schnabel pickte es die Fleischstücke von der Heugabel. Trotz der Gefährlichkeit des Tieres, seiner Größe, seiner scharfen Krallen und Zähne, machte sich Adamah keine Sorgen. Er kannte die Tiere im Stall und wusste, wie man mit ihnen umzugehen hatte. Einige konnten sogar sprechen wie er. Von dem Tier, das er gerade fütterte, wusste Adamah, dass es sehr schnell war und aufs Wort gehorchte. Adamah hielt ihm den letzten Brocken in die Box und befahl: „Friss!“

Schmatzend und kauend verschlang das unnatürliche Wesen den letzten Bissen. Abwartend starrte es Adamah noch einen Moment lang an. Als es merkte, dass kein weiterer Happen mehr kommt, zog es sich in eine Ecke zurück.

Huku kam aus der Nachbarbox. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er grinste Adamah an.

„Fertig“, sagte er.

„Zeit es sein“, antwortete Adamah.

„Wir gehen können?“, rief Adamah zum Cherub, der ihre Arbeitsgruppe überwachte.

Der Cherub winkte freundlich mit seiner Klauenhand und sagte: „Ihr könnt gehen. Bringt eure Futterkarren zurück ins Lager und spült sie sauber! Dann seid ihr fertig für heute.“

Huku und Adamah schnappten sich die Lederschlaufen der Karren und zogen sie die Boxengang entlang in Richtung des Futterlagers.

„Gespannt sein. Wo Gorande heute sein“, fing Huku an. Er hatte, ebenso wie Adamah, seinen Freund vermisst, der heute nicht zur Arbeit erschienen war.

„Cherubim fragen. Können haben schon Nachricht“, schlug Adamah vor.

„Nicht Nachricht“, widersprach Huku, „Fragen vorhin.“

Plötzlich hörte Adamah einen heftigen Schlag gegen eine Stahltüre. Ein Tier bockte. Ein tiefes, animalisches Brüllen echote durch die Boxengassen. Der Schmerzensschrei eines Menschen gellte hinterher. Befehle von Cherubim. Wieder schwere Tritte gegen eine Boxentür. Dann das zischende Geräusch einer Stabwaffe. Der laute Knall, als die Boxentüre aufflog und das mächtige Getrampel von Hufen.

Adamah lief ohne zu überlegen los. Er rannte durch die Quergasse. Er wollte helfen. Als er in die andere Boxengasse einbog, sah er bereits die wilde Bestie auf sich zukommen. Entsetzt blieb Adamah stehen. Das wütende Brüllen ließ Adamah erstarren. Er blickte paralysiert in schwarze, gnadenlose Augen, so groß wie Männerfäuste. Der breite Stierkopf war gesenkt, die gewundenen, armlangen Hörner auf Adamah gerichtet.

Im allerletzten Moment warf sich Adamah zur Seite. Er ergriff ein Horn und sprang dem tonnenschweren Biest aus der Bewegung heraus auf den Nacken. Die Bestie schrie überrascht auf. Adamah wurde heftig durchgeschüttelt. Er presste seine Beine gegen die kräftigen Halsmuskeln, um Halt zu haben. Adamah griff das zweite Horn und zog den Kopf mit aller Kraft nach oben. Der schwere Stier wehrte sich. Adamah zog ruckartig an den Hörnern und presste sie gleichzeitig gegeneinander. Der Stier wurde langsamer. Der Kopf neigte sich widerwillig nach hinten. Adamah ließ nicht locker. Als der Stier nur noch nach oben sehen konnte, blieb er keuchend stehen. Mit einem letzten Ruck riss Adamah den Kopf nach links und der Stier fiel zur Seite. Adamah sprang rechtzeitig ab, um nicht unter den gewaltigen Leib zu kommen, hielt aber die Hörner fest in seinen Fäusten. Unbarmherzig drückte er den Kopf des Tieres weiter in den Nacken. Hilflos strampelte es mit seinen Beinen und seine Hufe kratzten schrammend über den Boden. Seine pelzigen, muskulösen Hinterbeine waren die eines übergroßen Hasen. Unkontrolliert zuckten sie in alle Richtungen. Sofort war ein Cherub herbei und jagte dem Biest eine Beruhigungsspritze in den Hals. Nach wenigen Sekunden erschlaffte der wütende Körper. Adamah sah, wie sich der graue und ledrige Körper eines Nilpferdes entspannte. Das wütende Schnauben wurde von einem ruhigen Atmen abgelöst. Das Tier schlief.