A Ghost In The Dark
© Sven Schmidt, alle Rechte vorbehalten

Der Jäger war nervös. Er hatte seine Eigengeschwindigkeit so weit reduziert, dass er nun fast bewegungslos nahe der beiden Schiffe schwebte. Er hatte sich zwar der Constellation des Reapers von oben genähert, doch wollte er nicht den oberen Andockring benutzen. Die Gefahr wäre zu groß gewesen, dass verräterische Geräusche durch die offene, untere Schleuse in die Freelancer gedrungen wären. Somit hatte sich Akio für den hinteren Steuerbordring entschlossen. Dieser Ring war der Freelancer abgewandt und die Möglichkeit einer optischen Entdeckung so gut wie ausgeschlossen.

Nun war der Moment gekommen, um die Schleuse in Position zu bringen. Dies war der gefährlichste Moment bei jeder geheimen Entermission. Denn jetzt musste sich der Jäger voll und ganz auf den frei schwebenden Ring konzentrieren. Akio verließ seine vetruvianische Position in der Ringmitte, um ihn die letzten Meter zu korrigieren und ihn auf den Schiffsandockring zu legen. Während dieser Phase ließ er die Schiffe unbeobachtet. Hätte man ihn jetzt bemerkt, hätte Akio es erst dann erfahren, wenn es schon zu spät gewesen wäre.

Er manövrierte die Infiltrationsschleuse so an die Connie heran, dass er selbst zwischen ihr und dem Schiff eingeschlossen war. Durch die Lukenscheiben der Connie hindurch sah Akio den Speiseraum. Der Glastisch und die Stühle aus seiner Kindheit waren verschwunden. Überall lagen Waffen- und Munitionskisten herum. Doch viel wichtiger war, dass niemand sonst zu sehen war.

Akio hielt sich mit einer Hand an der Luke fest und zog seinen Ring soweit heran, bis die magnetischen Halterungen Kontakt hatten. Dünne Hartgummipolster an seinem Ring verhinderten das verräterische Klacken im Schiffsinneren, wenn Metall auf Metall stieß. Die Kontakthalterungen schnappten zu und hielten nun beide Ringe fest zusammen.

Akio befand sich nun zwischen der Eingangsluke und der Plastikhaut seines Ringes. Er öffnete eine Druckluftflasche und Atemluft strömte in diesen Zwischenraum. Durch den steigenden Luftdruck wölbte sich die ledrige Ringhaut nach außen. Nach wenigen Sekunden war die Pressluftflasche geleert. Der Jäger blickte noch einmal durch die Lukenscheiben. Im Innern war alles ruhig.

Er überwand das Schloss mit Hilfe eines magnetischen Infiltrationsschlüssels und öffnete die Türe. Die Luke drehte sich um 90 Grad im Uhrzeigersinn und die hydraulischen Schiebetüren verschwanden zischend zur Seite.

Zusätzliche Luft strömte in den Zwischenraum und die Plastikhaut blähte sich wie ein Ballon auf. Doch sie hielt.
Akio stieg über in das ehemalige Schiff seiner Eltern. Er lauschte, ob die Helmmikrofone etwas aufnahmen. Doch alles war ruhig.

Der ehemals noble Speiseraum der Constellation war verwahrlost. Die Wände waren dreckig und zerkratzt. Nichts war mehr so, wie Akio es in Erinnerung hatte. Er nahm es emotionslos hin. Es war nur noch wie jedes andere Piratenschiff.

Akio drehte sich noch einmal um und deaktivierte den Sicherheitsmechanismus der Luke. Dann brachte er einen kleinen Sprengsatz an der Infiltrationsschleuse an.
Danach zog er seinen Strahler und ging in Richtung Bug. Er kam an der Küchenzeile vorbei. Dreckige Teller und Gläser standen in der Spüle. Auf dem Boden lagen leere Verpackungen.

Akios Blick fiel auf die Essensablage, die vor der Küche stand. Von plötzlicher Wehmut ergriffen blieb er davor stehen. Auf dem Mahagoniholz waren deutlich die beiden Namen zu sehen, die er vor so vielen Jahren mit linkischer Kinderschrift hineingeritzt hatte. Doch jemand hatte einen weiteren Namen hinzugefügt. Hinter den Namen Akio und Kimo stand nun der Name seiner Schwester Ling. Akio erkannte die geschwungene Handschrift seines Vaters. Auch wenn er sich früher immer darüber aufgeregt hatte, dass die Kinder ihm sein neues Schiff ruiniert hatten, musste es ihm irgendwann doch etwas bedeutet haben. Entweder später, als sie das Zuhause verlassen hatten, oder bereits schon immer. Und sein Ärger war nur gespielt gewesen.

Akio schnappte nach Luft, weil er unabsichtlich den Atem angehalten hatte. Dann zwang er sich dazu, weiterzugehen. Er hatte schließlich etwas zu erledigen.

Leise schlich er in die Lobby zu der geöffneten Andockluke im Boden. Seine Außenmikrophone vernahmen höhnisches Gelächter. Offenbar war der Kampf um die Freelancer vorbei und der CleaverReaper tat, was er danach immer tat.

Den Jäger kümmerte es nicht. Nicht in diesem Fall. Denn Shining Eye war kein Heiliger. Er hatte ebenfalls sehr viele Gräueltaten begangen. Akio sah das hier als dessen gerechte Strafe an.

Bevor der Jäger auf das andere Schiff überwechselte, musste er noch etwas erledigen. Mit wenigen Schritten war er im Kommandostand. Auf dem rechten Touchpad des Kapitänsstuhls legte er den virtuellen Schalter für den Störsender um.
Fast zeitgleich vibrierte sein mobiGlas und machte den Jäger darauf aufmerksam, dass die Remoteverbindung zu seiner Ghost wieder hergestellt war. So weit, so gut.

Akio ging zur Luke zurück. Er verspürte eine leichte Nervosität. Er blickte hinunter und sah den kahlen Boden der ’Lancer. Er hörte Stimmen, die aus dem hinteren Teil der MIS kamen. Eine erkannte Akio als die seines Bruders.

Erneut zögerte der Jäger. Wollte er es wirklich tun?
Er hatte in seiner Laufbahn schon viele getötet. Menschen sowie Xenos. Sie hatten es alle verdient gehabt. Sein Bruder hatte es ebenfalls verdient. Mehr als alle anderen. Doch er war sein Bruder. Nichtsdestotrotz hatte er keine Wahl. Sein Bruder war eine Bestie. Die Schlimmste von allen. Er musste es tun.

Doch konnte er es überhaupt tun?
Die Frage würde er wohl nur dann endgültig beantworten können, wenn er direkt vor ihm stand.
Der Jäger atmete tief durch. Er zog seine Waffe. Dann glitt er leise durch die Luke.