A Ghost In The Dark
© Sven Schmidt, alle Rechte vorbehalten

Es war totenstill in der Ghost. Seit Tagen hatte Akio keinen fremden Laut mehr gehört. Er hörte seinen eigenen Atem, oder er sprach mit sich selbst. Er rezitierte Gedichte oder sagte Vorschriften auf, die er auswendig gelernt hatte. Er vermied es, Musik zu hören, um sich nicht von ihr gedanklich abtreiben zu lassen. Die Funkfrequenzen abzuhören brachte auch nichts. Die waren tot. Hier draußen in und nahe der Dunkelwolke gab es niemanden, der funkte.

Die Iriden des Jägers waren extrem geweitet. Die Pupillen waren an die vollkommene Dunkelheit seiner Umgebung angepasst und bildeten große, schwarze Löcher in Akios Augen.

Akios ovaler Helm war mattschwarz. Er war mit dem gleichen radarabsorbierenden Material verkleidet, wie die ganze Ghost. Im Gegensatz zu anderen Raumhelmen besaß er keine komplette Frontverglasung, sondern nur zwei getönte, handbreite Sehschlitze.

Akio trug in der Hornet wieder seine schwarze Tarnuniform. Sie war ordentlich und sauber. Akio war pedantisch, was seine Ghost und seine Ausrüstung anging. Die Uniform war mehr wie eine Rüstung. An sämtlichen Stellen, die nicht gebeugt werden mussten, bestand sie aus leichter, ebenfalls radarabsorbierender Hartplastik. Die Beuge- und Kontaktstellen waren so konstruiert, dass die Tarnfähigkeiten des Anzugs bei einem Außenbordeinsatz nicht beeinträchtig wurden.

Der abgedunkelte Bildschirm erzeugte kaum Licht und zeigte seit über einer Stunde die Freelancer des Shining Eye. Akio war sich ziemlich sicher, dass es der Piratenchef war. Er kannte sonst niemanden, der sich auf dem Dach seiner Freelancer einen Andockring anmontiert hatte. Piraten verwendeten zum Entern normalerweise eine Cutlass. Doch Shining Eye wollte offensichtlich nicht auf die Kampfkraft der modifizierten Freelancer MIS verzichten.

Der Piratenführer hatte also angebissen und die fingierte Geschichte auf dem Datenstick gekauft. Akio hoffte, dass der CleaverReaper bald auftauche würde. Er wusste nicht, wie viel Geduld Shining Eye hatte und wie lange er warten würde, bis er wieder davonflog.

Der Jäger litt wieder unter den Symptomen seiner inneren Anspannung. Es war die letzten drei Jahre immer schlimmer geworden. Akio wunderte sich nicht, woher das kam. Schließlich hatte er die letzten Jahre verbissen auf den heutigen Tag hingearbeitet.

Er hatte sich alle nötigen Informationen über seine Ziele zusammensuchen müssen. Über Piraten, die ganz oben in der Hierarchie standen, die sowieso nie über Geheimnisse sprachen und die erst recht keinen planbaren Tagesablauf hatten. Und während er den Informationskrümelchen hinterher gejagt war, hatte er immer darauf achten müssen, selbst nicht entdeckt zu werden. Seine hochqualifizierte Militärausbildung war diesbezüglich eine sehr große Hilfe gewesen.

Nach seiner Schulausbildung hatte sich Akio gegen den Willen seines Vaters zum Militärdienst gemeldet. Er war Achtzehn gewesen und wollte etwas erleben. Er hatte genug gehabt von dem Citizenship-Getue seines Vaters, der als öffentlich bekennender Centralist in einem Mitarbeitstab eines Gouverneurs mitgearbeitet hatte.

Nach der Grundausbildung musste Akio einige Monate in der Materialverwaltung arbeiten, bevor sein Pilotenkurs angefangen hatte. Danach hatte er sich als Hornetpilot für Kampfeinsätze gemeldet und in dieser Zeit jede Menge Vanduuls vom Himmel geholt.

Als Akio 21 war, kam sein Bruder Kimo ebenfalls zum Militär. Akio hatte ihn dazu ermuntert, was seinen Vater nur noch wütender gemacht hatte. Im Gegensatz zu seinem Bruder kam Kimo zur Army. Er bekämpfte die Vanduuls am Boden.

Zwei Jahre später, ungefähr zu der Zeit, als sein Bruder Kimo bei einem Einsatz schwer verletzt wurde, kam Akio zur Aufklärungseinheit. Die anspruchsvolle Ausbildung an der Ghost dauerte zwölf lange Monate. Dabei ging es nicht nur um die Bedienung der geheimen Spionagegeräte, sondern vor allem auch um die absolute Kontrolle seiner eigenen Psyche.

Ein Ghostpilot musste tagelang in seiner Maschinenkanzel ausharren können und durfte dabei nie seine Konzentration verlieren. Dreiviertel seiner Ghostausbildung wurde darauf verwendet. Die allermeiste Zeit saß er dabei in seiner Ghost. Zuerst tagelang in einem abgedunkelten Hangar, danach wochenlang in einem weiten, sternenarmen Nichts.
Akio hatte gelernt, die Dunkelheit zu lieben.