A Ghost In The Dark
© Sven Schmidt, alle Rechte vorbehalten

Eine Ghost für eine Pizza!
Akio verfluchte diese Pseudoastronautennahrung. Laut Werbeversprechen sollte YeNOVA von Torrele Foodstuff sämtliche nötigen Mineralien, Spurenelemente und Vitamine beinhalten, die ein einsamer Pilot in den Weiten des Alls benötigte. Dazu noch die nötigen Amino- und Fettsäuren. Dieser wässrige Brei mit Vanillegeschmack war ein isotonisches Gemenge, das schnell und restelos verdaut werden konnte.

Akio hatte allerdings das Gefühl, dass dem YeNOVA ein paar bestimmte Fettsäuren fehlten. Ansonsten würde er nicht diesen Heißhunger auf Pizza verspüren. Die Astronautennahrung vom Militär hatte diese Nebenwirkung nicht gehabt.

Im Informationsnetz des Spectrum hatte Akio keine Lösung zu diesem Problem gefunden, obwohl viele Verbraucher davon berichteten. Torrele Foodstuff reagierte jedoch nicht darauf. Sie sah keinen Handlungsbedarf und belegte das mit diversen Studien. Zumindest wusste Akio nun, dass es nicht nur an ihm lag. Und er hatte bei seinen Recherchen auch ein neues Wort gelernt: Craving. Es umschrieb das heftige Verlangen nach einer bestimmten Substanz. Dabei war es unerheblich, ob man nach Pizza oder Drogen lechzte.

Bei dem Gedanken an eine Pizza kamen dem Jäger die leckersten Bilder in den Kopf. Akio stellte sich eine schöne saftige Pizza vor, mit Salami- und Tomatenscheiben, Speckwürfel, Zwiebelringen und Knoblauch obendrauf. Der knusprige Rand schön fett mit Käse überbacken.

Er fluchte leise.

Vor fünf Tagen hatte er seine Ernährung umgestellt, um sich auf diesen Einsatz vorzubereiten. Er hatte keine feste Nahrung mehr zu sich genommen. Nur noch Getränke, Suppen und Kraftbrühen und dieses YeNOVA. Den Anteil dieser Kunstnahrung hatte er in diesen Tagen immer weiter erhöht.

Zwölf Stunden vor dem Einsatz hatte Akio sich ein Klistiermittel in den Anus gedrückt. Eine halbe Stunde später hatte er dann alles, was noch in seinem Darm gewesen war, in einem satten Strahl ausgeschieden. Danach war der Darm komplett entleert gewesen. Das eliminierte den natürlichen Drang, auf eine Toilette gehen zu müssen.

Das alles gehörte zu einer vernünftigen Missionsvorbereitung. Ein Jäger musste in der Lage sein, tagelang in seiner Ghost ausharren zu können.

Sein Urin hingegen wurde von dem Lebenserhaltungssystem seines Raumanzugs verwertet. Das gefilterte und recycelte Wasser war geruchsfrei und geschmacklos. Akio dachte schon lange nicht mehr darüber nach, dass er seine eigene Pisse trank. Das tat jeder Pilot.

Wie schön wäre jetzt eine Pizza. Nur ein Stückchen. Ein kleiner Bissen. Schön zart, saftig und würzig. Heiß auf der Zunge.

Akio fluchte wieder. Lauter diesmal. Hoffentlich kam der verdammte CleaverReaper bald. Akio wollte nicht mit ansehen, wie die Freelancer unverrichteter Dinge wieder abzog. Er hatte so viel Zeit, Arbeit und Energie in diese Mission gesteckt. Geschweige denn die emotionale Berg- und Talfahrt, die er durchlebt hatte. Das hier musste einfach funktionieren.

Akio bezweifelte, dass er eine solche Falle ein zweites Mal vorbereiten konnte. Dazu fehlte ihm die Kraft. Die Witwe zehrte an ihm und Akio wusste, dass sie ihn bald über die Klippe in den Abgrund zerren würde. Dass er ihr überhaupt so lange widerstehen konnte, schrieb der Jäger seiner hervorragenden, psychologischen Ausbildung bei der Flotte zu. Normalerweise lief eine WiDoW-Sucht viel dramatischer ab.

Wie lange war es her, dass er eine Pizza gegessen hatte? Akio wusste es nicht. Das war wohl noch in der Grundausbildung gewesen. Oder hatte er da schon seinen Pilotenschein gehabt? Akio war überrascht, wie lange das her war. Seit er Ghostpilot war, hatte er immer sorgfältig auf seine Ernährung geachtet. Eine Pizza hatte da einfach nicht in die Lebensphilosophie gepasst. Als Ghostpilot war man kein Mensch mehr. Man war die Ghost.

Plötzlich ein Lichtreflex.
Der Jäger vergaß sofort seinen Heißhunger auf die Pizza.
Auf der optischen Anzeige vor ihm sah er die allzu bekannte Constellation des CleaverReaper.

Endlich – die Beute.