A Ghost In The Dark
© Sven Schmidt, alle Rechte vorbehalten

„Vanduulhorde rechts von uns!“, schrie Akio, „Halte genau darauf zu. Die Prinzessinenjacht muss unbedingt gerettet werden.“
„Die Prinzessinenjacht?“, fragte sein kleinerer Bruder Kimo enttäuscht zurück. „Das ist doch langweilig.“

Die beiden Jungs saßen im Kommandostand der neuen Constellation ihres Vaters, die heute im Hangar angekommen war. Akio saß im Kapitänsstuhl, der in einem gebogenen Arm von der Decke hing. Kimo hatte rechts von ihm auf dem Steuersitz Platz genommen. Beide Kinder sahen verloren aus in den mächtigen Sesseln.

„Dann ist es halt die Goldfregatte des Imperators, in dem er seinen ganzen Staatsschatz mit sich führt. Sie darf nicht in die Klauen der Vanduuls fallen.“
Akio zeigte mit seinem schmächtigen Arm nach rechts.
„Auf sie mit Gebrüll!“, kommandierte er. „Volle Fahrt voraus!“
„Aye, aye, Kapitän!“, antwortete Kimo beflissen.
Beide beugten sich nach Rechts, um die Kursänderung zu simulieren.
„Iiiiuuuuu…“, ahmte Kimo die Triebwerksgeräusche nach.
„Feuerkanonen klarmachen für vollen Dauerbeschuss“, rief Akio.
„Sind alle klar, Kapitän“, bestätigte sein Bruder.

Sie schauten aus den kristallklaren Fensterwänden hinaus in den hell erleuchteten Luxushangar. Doch in ihrer Phantasie sahen sie das dunkle Weltall, die in allen möglichen Farben glitzernden Sterne und eine unheilvolle Flotte von gefährlichen Gegnern.

„Dann gib es ihnen! Mach sie fertig! Sie sollen wissen, dass sie mit den Musketieren des Imperators nicht einfach so Tango tanzen können.“
„Prrrch, prrrch, prrrch“, machte Kimo, „Zwei Scythe zerstört.“
„Gut gemacht, Steuermann“, lobte Akio, „Den Rest auch noch.“
„Drrrrrrrr“, simulierte Akio ein Dauerfeuer. „Ein weiterer explodiert. Drrrrrrr. Die anderen ergreifen die Flucht.“
„Jaaa! Der Imperator wird begeistert sein. Und wieder haben seine beiden treuesten Krieger sein Reich gerettet.“
„Er wird uns einen Orden geben und uns zu Ritter schlagen.“
„Er wird uns zu Ehren ein riesiges Fest veranstalten. Alle Ritter werden uns beneiden.“ Akio reckte seine beiden Ärmchen in einer Siegerpose nach oben.
„Genau“, rief Kimo und imitierte die Siegergeste von Akio. „Wir sollten ein Fest feiern und wie Helden essen. Lass uns nachsehen, ob wir etwas im Kühlschrank finden.“

Sie sprangen aus den übergroßen Sesseln und liefen nach hinten durch die offene Lobby. Decke, Wände und Boden dieses geräumigen Durchgangs waren in einer angenehmen, milchigweißen Atmosphäre von Alustahl gehalten. Weiche Einlagen aus weißem Leder unterstützten das geschmackvolle Ambiente. Vereinzelte Holzapplikationen aus dunklem, rotbraunen Mahagoni, der auf Hochglanz poliert worden war, setzten die modisch stilvollen Akzente. Weiße Leuchtstoffröhren erhellten den Raum, ohne störend zu blenden.

An Steuerbord hing ein großer, runder Tisch von der Decke, der von einer halbkreisrunden Mahagonisitzbank umrahmt war.
In der Mitte der Lobby befand sich in der Decke ein Andockring, der verschlossen war. Durch den Zweiten im Boden waren die beiden Kinder hereingekommen.

Akio und Kimo liefen an den dahinter liegenden Gästekojen vorbei, die in der Wand eingelassen waren und die im Notfall als Rettungskapseln dienen konnten.
Sie erreichten den Konferenz- beziehungsweise den Speiseraum. Als visuell gegensätzliche Note wurden hier verstärkt die Mahagoniapplikationen eingesetzt. Boden und Wände waren hier großflächiger mit dem warmen Braunton ausgelegt.

Der zentrale Blickfang unter dem großen Sternenoberlicht aus verstärktem Acrylglas war der Kristalltisch aus bruchfestem Saphirglas und der polierten Edelstahlumrandung. Die sechs dazu passenden Stühle, die um ihn herumstanden, verliehen mit ihrem silbernen Stylingsdetail dem Innenraum die ruhige Eleganz und den aufmüpfigen Schick.
Hinter den Stühlen befanden sich zwei weitere Andockringe in den Wänden.

Am anderen Ende des Raumes lenkte ein ultramoderner Rivon-Breitbildfernseher die Aufmerksamkeit auf sich. Eine kleine Ledersitzgruppe davor vervollständigte das Arrangement für ein beschauliches Heimkinoerlebnis.

An der Steuerbordseite war eine gut gefüllte Bar mit einem Tresen aus glänzendem Edelholz, vor dem zwei Hocker standen, die den gleichen glassilbernen Style hatten, wie der Tisch und die Stühle.
Gegenüber der Bar befand sich die Küchenzeile hinter einer Essensablage und zwei weiteren Barhockern. In der Wand befanden sich links ein Kühlschrank mit einer gebürsteten Edelstahltüre, sowie zwei Einbauschränke über der Spüle und der Arbeitsfläche.

Kimo öffnete den Kühlschrank.
„Bah, leer“, sagte er.
„Toll, Sektsprudel“, kommentierte Akio ironisch den einzig vorhandenen Inhalt.
„Dann gehen die Helden halt hungrig nach Hause“, maulte sein Bruder.
„Mist. Es muss doch etwas geben“, erwiderte Akio und er öffnete die Schubladen. Aus einer von ihnen holte er ein langes Fleischmesser heraus.
„Hier ist mein Samuraischwert. Das nächste Mal entern wir die Bestien und erobern uns die Schiffe.“

„Lass mich mal halten“, bat ihn Kimo.
„Das ist ein Kapitänsschwert“, lehnte Akio ab. „Dafür bist du zu klein.“
„Gar nicht“, brummte Kimo. „Gib her.“
„Nein. Das ist gefährlich.“
„Ist es nicht. Du willst es nur behalten.“
„Na und? Ein Kapitän braucht ein Kapitänsschwert.“
„Ich sage es Vati“, entgegnete Kimo.
„Das wirst du nicht“, konterte Akio. „Du bist schließlich mein Bruder.“
„Aber Brüder teilen miteinander“, begehrte Kimo auf.

Akio dachte einen Moment nach und schaute das Messer in seiner Hand an. Es war groß und sah auch verdammt scharf aus. Akio bekam Angst, dass sich Kimo daran verletzten könnte.
„Ich sag dir was“, bot Akio einen Kompromiss an. „Ich besiegel unsere ewige Bruderschaft, indem ich unsere Namen in unser Kampfschiff ritze.“

Kimo lächelte ihn an. Dann schaute er argwöhnisch. „Das traust du dich doch eh nicht.“
„Aber klar doch“, entgegnete Akio trotzig, „Schau her!“
Er trat an die Essensablage hinter ihnen, nahm vorsichtig das große Messer zwischen Daumen und Zeigefinger und ritzte dann in ungelenken Großbuchstaben ihre Namen in das harte, rot schimmernde Mahagoniholz.

„Hier. AKIO und KIMO.“
Kimo schaute auf die Namen auf der Ablageplatte und lächelte glücklich. „Akio und Kimo“, wiederholte er. „Musketiere für immer.“
„Musketiere für immer“, wiederholte Akio.
Plötzlich hörten sie die wütende Stimme ihres Vaters hinter sich.

„Was treibt ihr beiden hier?“
Akio zuckte zusammen. Diesen Ton kannte er. So klang ihr Vater, wenn sie wieder etwas angestellt hatten. Und das bedeutete meistens Ärger.