Thot - Spuren aus Stein
Leseprobe Teil 3
© Sven Schmidt, alle Rechte vorbehalten

Die letzte Dreiviertelstunde vor dem Abflug saßen sie im Flughafenrestaurant. Jeder ein Eis. Er: Waldmeister mit Pistazien. Sie: Schokolade und eine Extraportion Sahne.

Auch dort sah er sie. Teure Anzüge, teure Schuhe, teure Armbanduhren, teure Frisuren. Die zwei Männer nippten indes nur an ihrem billigen Wasser. Der abweisende Gesichtsausdruck der Bedienung war nicht schwer zu deuten.
Mit den beiden Verfolgern im Blickfeld hatte es Professor Waldmann schwer, sich auf die Unterhaltung mit Sarah Kroeger zu konzentrieren. Ihm war es peinlich, ihre Dankbarkeit entgegenzunehmen, dass er ihr diese große Chance ermöglichte und dass er sie hierher gefahren hatte. Er hatte es gerne getan. Wirklich. Er versicherte ihr, dass er sie gerne als seine Schülerin gehabt hatte. Sie war sehr talentiert, wissbegierig und lernfähig. Sie errötete leicht. Hatte leise gelächelt und den Kopf dezent gesenkt. Wie bei einem ersten Date.
Professor Waldmann tat sich schwer, ihr gegenüber nur väterliche Gefühle zu haben. Sie war mit ihren 23 Jahre so taff und selbstbewusst. Demgegenüber konnte sie Lob immer noch nicht ertragen.
Zwanzig Minuten vor dem Abflug gingen sie zum Gate. Verfolgt von ihren beiden Schatten. Diese machten sich nicht die Mühe, unerkannt zu bleiben. Professor Waldmann hoffte nur, dass Sarah nichts merken würde.
Und dann kam der Moment, auf den er gewartet hatte. Gehofft hatte. Denn sie durfte es nicht wissen … noch nicht.
Sie ging auf die Toilette und überließ ihm ihren schwarzen Rucksack mit einem Peace-Button und einem kleinen Plüschteddy am Reißverschluss. Ihre alte, braune Umhängetasche aus Leder nahm sie mit. In ihr bewahrte sie ihr kostbarstes Gut. Ein Notebook, das sie vor ihrem Studium von ihren Eltern geschenkt bekommen hatte. Ihre ganzen Arbeiten und Stoffsammlungen waren auf ihm gespeichert. Sarah gab ihn niemals aus der Hand.
Professor Waldmann holte den braunen Umschlag hervor, den er sich hinten in den Hosenbund seiner hellgelben Cordhose gesteckt hatte. Ein dunkles Schweißband hat sich dort gebildet, wo der Gürtel das Couvert gegen seinen Rücken gepresst hatte. Sein gelbes Jackett hatte es bisher vor unliebsamen Blicken geschützt. Er drehte sich so, dass die beiden Verfolger seine Aktion nicht erkennen konnten. Professor Waldmann bückte sich und es sollte so aussehen – hoffte er –, dass er sich die Schuhe band.

»So, da wären wir nun.« Sie standen inmitten der anderen Reisenden vor den Schleusen zum Transferbereich. Sarah lächelte ihren Professor an, der sie die letzten Jahre so hart hatte arbeiten lassen. Es war nicht leicht gewesen. Doch sie war ihm dankbar dafür. Sie trug blaue Cargohosen und ein kurzärmliges, hellblaues Baumwollhemd. Darüber eine braune Safarijacke mit vielen Taschen. Außerdem hatte sie einen weißen Baumwollschal mit geknüpften Fransen um den Hals gewickelt. Ein Souvenir ihres Ägyptenurlaubs 1999, den ihr ihre Eltern zum bestandenen Abitur geschenkt hatten. Eine Rundreise quer durch das Land. Ein großartiges Erlebnis.
Den Schal hatte sie damals in Sharm-El-Sheik bei einem Straßenhändler gekauft. Natürlich nicht, ohne vorher kräftig zu feilschen. Denn das, so hatte ihr Reiseleiter erzählt, wurde von den Händlern erwartet. Und es war schon förmlich eine Beleidigung, wenn der Tourist den erstgenannten Preis bezahlte. In Deutschland kannte man das ja so nicht. Dort wiederum gehörte es eben zum Touristengeschäft dazu. Damals war sie ein klein wenig stolz, den Preis so weit gedrückt zu haben. Als sie später allerdings mehr Erfahrung mit den Straßenhändlern hatte, wusste sie, dass der Preis immer noch zu hoch gewesen war. Andererseits fuhr man ja nicht nach Ägypten, um Erbsen zu zählen, sondern um einen wundervollen Urlaub zu erleben.
Und später dann wurde sie beim Handeln auch immer besser.
Die Mentalität der Ägypter unterschied sich nun mal von der in der westlichen Welt. Oder wie hatte es ihr Reiseführer damals auf einen einfachen Nenner gebracht: ›In Ägypten ist eben alles anders‹. Thot, der Gott der Weisheit, muss sein Lehrer gewesen sein.

»Ja, da wären wir.« Professor Waldmann konnte sein Zittern nicht verbergen. Er wusste nicht, ob seine Verfolger die geheime Aktion bemerkt hatten. Stark anzunehmen. Er ist eben kein bezahlter Agent des deutschen Bundesnachrichtendienstes, sondern nur ein einfacher Dozent für ägyptische Geschichte an der Universität in Göttingen.
»Also …«, fing Sarah an. Da war er wieder, der verschämte Moment des Abschieds. Der Professor versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. Seine Blicke wanderten zur Seite.
Bunt gekleidete Touristen versprühten lässige Urlaubsstimmung, und ernst dreinschauende Geschäftsleute zogen ihre Flugkarten durch die Lesegeräte, um in den Transferbereich zu gelangen. Ein Pickelgesicht mit Hornbrille, der von seinen Eltern verabschiedet wurde. Sein erster Urlaub, ein letztes Briefing. Ein Liebespaar Hand in Hand, ein schreiendes Kleinkind. Dahinter zwei große Männer in feinen Anzügen. Hellbraun und dunkelblau. Sie schauten zu ihnen her. Allerdings nicht gelangweilt auf den Flug wartend, sondern interessiert und konzentriert.
Nachdem der Professor nichts erwiderte, sagte Sarah nur: »Danke.«
Er spürte, wie sie langsam unruhig wurde. Hatte er sich verraten? Er lauschte der weiblichen Bandansage über Lautsprecher, die empfahl, das eigene Gepäck nicht aus den Augen zu lassen.
Der Professor konnte sich nun doch nicht zurückhalten. Egal, was seine ehemalige Schülerin davon halten mochte. Er nahm sie in seine Arme. Zum Abschied. Das golden-metallene Gestell seiner Brille drückte gegen ihre Schläfe. »Pass auf dich auf.« Und als er sie wieder losließ, waren seine Augen feucht geworden. Sie lächelte verschämt. Kein echtes Lächeln. Sie wusste wohl nicht, wie sie lächeln sollte, weil sie nicht wusste, wie sie fühlen sollte. Ihr Blick verriet Konfusion. Wartete auf etwas, was sie doch nicht hören wollte.
Der Professor übersah es.
Wieder der Blick nach rechts. Diesmal schaute sie hinterher. Hatte sie die Männer gesehen?
»Grüß Tom von mir. Ich bin sicher, ihr werdet gut miteinander auskommen.« Lass es nur ein ganz normaler Abschied sein. Bitte beschwör keine Geister. Sarah war nur ganz kurz verunsichert. Ihr Lächeln wirkte wieder fest. Doch er glaubte, für einen Moment in ihren smaragdgrünen Augen ein panisches Erkennen zu sehen.
»Na klar. Sie kennen mich doch. Mich muss man lieben.«
Er lachte. Aufrichtig. Das alte Gesicht sah wieder jünger aus. »Du solltest jetzt gehen.« Ihm fiel einfach nichts Vernünftiges mehr ein, was er sagen konnte. — Sei vorsichtig! Dreh dich um, wenn du alleine bist. Renn, wenn du Schatten siehst! — Ja, davon jede Menge. Jedoch kein Ich werde dich vermissen, und erst recht kein Auf Wiedersehen.
Sarah zückte ihre Flugkarte aus ihrer braunen Safarijacke. Sie reihte sich in die kleine Schlange ein und ging durch die Absperrung. Sie blickte zurück. Lächelte noch. Winkte.