Thot - Spuren aus Stein
Leseprobe Teil 4
© Sven Schmidt, alle Rechte vorbehalten

»Aber das kann doch nicht sein.« Unverständliches Stimmengesäusel aus dem Handy. »Da ist nichts.« Das Stimmengesäusel wurde lauter, energischer. »Dann müssen Sie mir wenigstens sagen, woher Sie diese Informationen haben.« Tom Tustra hatte genug von diesem Auftrag. Seit zwei Wochen buddelte sein Team ein Loch in den Berg. Ohne Hinweise, ohne Spuren, ohne Erklärung. Seinem Gesprächspartner am anderen Ende ging hörbar der Hut hoch.
»Ich weiß, dass mich das eigentlich nichts angeht. Ich bin ja auch nur der Ausgrabungsleiter. Allerdings kostet das hier Zeit, Geld und Arbeitskräfte. Diese Investitionen wären sicherlich besser angebracht, wenn man nach neuen Pharaonengräbern suchen würde. Vielleicht auch mit Hilfe von modernen Satelliten. Und nicht einfach nur unter einem altbekannten, totgeforschten Grab buddelt.« Er schaute in das dunkle Loch vor ihm, das 40° abwärts führte, und wischte sich mit der Linken die Schweißperlen von der Stirn. Tom Tustra befand sich in einem kleinen Felsenkessel im Tal der Könige, dessen ockerbraune Wände senkrecht dreißig Meter in die Höhe wuchsen. Hier war er zwar ständig im Schatten, jedoch wurde die Hitze aus dem Tal hereingedrückt, das den ganzen Tag unter der sengenden Sonne lag. Ebenso wie die Zelte der Forscher, die am Rande des Weges, der zu den anderen Pharaonengräbern führte, aufgebaut waren.
Aus der Tiefe hörte er die klopfenden und schabenden Geräusche der einheimischen Arbeiter. Sein Chef am Telefon ließ sich nicht überzeugen.
»Okay. Ja, ich wiederhole mich.« Er machte einem Arbeiter Platz, der zwei volle Eimer Erde hinaustrug. Seine weiße Galabija, ein heimisches Gewand mit weiten Ärmeln und einem weiten Rock, war total verstaubt. »Meinetwegen. Ich mache weiter, solange Sie es sagen.« Tom blickte entnervt die Stahltreppe hinauf, über die eine Ameisenstraße voller Touristen führte, die in der oberen Felsspalte das Grab Thutmosis III besuchen wollten. Ein abschüssiger Korridor führte dort oben in die Tiefe zu einer antiken Treppe mit breiten Nischen rechts und links. Die stehende Hitze machte Tom nichts aus. Aber dass er den ganzen Tag fotografiert wurde und neugierige Fragen in allerlei Sprachen beantworten sollte, zehrte mehr an seinen Nerven, als er sich vorgestellt hatte. Anfangs fand er die Idee noch interessant, so ›publikumsnah‹ zu arbeiten, aber mittlerweile fühlte er sich wie ein Schimpanse in einem Zoo. Fehlte nur noch, dass ihm eine Banane vor die Füße fiel.
»Können Sie mir dann vielleicht sagen, wie weit ich noch graben soll?«, blaffte er. »Wir sind doch bereits unter der Kammer mit dem Sarkophag.«
Dann schaute er verärgert sein Handy an. »Aufgelegt. Kann der nicht wenigstens einmal ›Auf Wiederhören‹ sagen?«
Die schwarzhaarige, hochgewachsene Frau, die heute schmutzigen Jeanslook trug, schoss ein paar Fotos von einigen amerikanischen Touristen, die sie ihrerseits von oben fotografierten. Dadurch versperrten sie somit die Treppe für die anderen Grabbesucher. Charleen würde die Bilder nachher wieder von ihrer Speicherkarte löschen. Es war ihre kleine Rache dafür, dass sie andauernd wie eine Zirkusattraktion angestarrt wurde. »Nichts?«, fragte sie wie unbeteiligt. »Worauf du einen lassen kannst.« Tom steckte das Handy wieder an seinen Gürtel, neben das Handfunkgerät. »Jedes Mal das Gleiche: Machen Sie weiter und fragen Sie nicht.« Die gut aussehende Frau ließ ihren Finger auf dem Auslöseknopf und schoss einige Serienbilder. Die Kamera hörte erst auf zu klicken, als sie mit dem Abspeichern nicht mehr hinterher kam. »Die wissen was. Jede Wette.« Tom sparte sich die Antwort. Die wissen was. Natürlich. Weshalb sonst sollten sie so viel Geld in ein nutzloses Loch blasen? Die Frage ist nur: WAS? Unterhalb eines bekannten Königsgrabes war ein Fund nicht zu erwarten. Das wusste er. Das wusste auch sein Team. Aber er durfte so etwas nicht laut sagen. Auch wenn ihm klar war, dass sie darauf warteten. Er durfte nicht den Fehler machen und in das Reich der Spekulationen und Fantasien driften. Er war Archäologe. Ein Profi. Zumindest redete er sich das ein. Denn hier bekam er Zweifel.
»Ach übrigens … zur Erinnerung. Heute kommt die Neue.« Charleen beobachtete sein Minenspiel. Er rollte mit den Augen. »Hol du sie ab. Ich fühl mich dazu jetzt nicht mehr in der Lage.« Sie setzte ihr Jawoll-Chef-Lächeln auf und schaute auf die Uhr. »Das heißt, ich fahr in einer halben Stunde los.«
Entfernte Schreie aus dem Tunnel. »Was ist denn jetzt wieder?« Tom ging näher an den Eingang und lauschte in den von etlichen Stützbalken getragenen Gang hinein. Die Schreie kamen näher. Und jetzt sah Tom auch die ersten Taschenlampen auftauchen, die sich dem Ausgang näherten. »Los, ruf Dingo! Er soll den Erste-Hilfe-Kasten mitbringen.« Charleen holte ihr kleines Funkgerät aus ihrer Brusttasche. Während sie per Funk mit dem alten Indianer sprach, hörte Tom erste verständliche Wortfetzen auf Arabisch. »Loch … Boden … Decke …«. Er schrie in der gleichen Sprache zurück »Was ist los?« Die Antwort verstand er aber nicht, weil Charleen jetzt laut in Richtung der dunkelgrauen Zelte »DU SOLLST HERKOMMEN!« rief. In diesem kleinen Felsenkessel verliefen sich die Worte unendliche Male und verliehen dem Ort plötzlich etwas Unheimliches.
Dann kam der erste Arbeiter schwer schnaufend bei ihm an. »Hat sich jemand verletzt?« Tom packte den älteren Mann an den Schultern und schaute ihn streng an. Autorität zeigen. Für sie war er zu jung für diesen Job.
»Nicht verletzt. Loch.« Er war außer Atem. Tom ließ ihn los. Die Ausgräber kamen aufgeregt ans Sonnenlicht. Tom ging auf den Schichtführer zu. Ein Mann Anfang Dreißig, der nicht zum ersten Mal für das Institut arbeitete. »Was ist los, Massuf?« Dessen mahagonibraunen Augen zeigten Überraschung. Und ein bisschen Angst. Etwas hatte die Männer dort drinnen ziemlich erschreckt.
»Ein Loch. Ein Loch im Boden.« Und als ob er es sich noch einmal überlegen müsste, ob es tatsächlich real war … »Der Boden ist unter uns weggebrochen und jetzt ist da ein tiefes Loch.«